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Partnerschaftsverein
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Wiesbaden-Schierstein
* Kamenez-Podolski e.V.
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*Preisträger der
Robert-Bosch-Stiftung 1998*
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Herr Oberbürgermeister Diehl, Herr Generalkonsul Yamiko, Liebe Raissa, Liebe Charlotte,
Für die Möglichkeit, hier im Wiesbadener Rathaus von der 10jährigen Hilfsarbeit des Partnerschaftsvereins zu erzählen, bin ich sehr dankbar.
Allen Helfern, die uns als gutes Team unterstützt haben bei der Vorbereitung dieser Ausstellung, möchte ich an dieser Stelle sehr herzlich danken. In Erinnerung an den leider zu früh verstorbenen Bürgermeister Gossmann, der mehrfach in K-P. war, wollen wir heute diese Ausstellung zeigen. Bei der ehemaligen Wiesbadener Weinkönigin Ute Meilinger aus Schierstein bedanke ich mich für die Weinspende, mit der sie dieses Ereignis veredelt.
Natürlich könnte ich das alles nicht so gut, wenn wir nicht diese aussagekräftigen Fotos von Charlotte Knuth hätten. Sie hat mit ihrer Kamera auf drei Besuchen in Kamenez-Podolski die verschiedensten Menschen, die uns begegnet sind, die teils maroden Gebäude der Stadt, unsere Aktivitäten und die Tiere eingefangen. Ohne Charlottes Blick könnten Sie sich vieles gar nicht vorstellen. Die Stadt Wiesbaden hat Charlotte den ukrainischen Bürgern im Sommer bei dem Fest der nationalen Kulturen im Rathaus von K-P. in wunderbaren Aufnahmen als den deutschen Beitrag bei diesem großen Fest gezeigt. Hoffentlich haben die Wiesbadener Bürger auch einmal die Chance diese tollen Fotos ihrer Stadt zu sehen.
Charlotte hat mich gebeten, Ihnen doch einiges aus den 10 Jahren Vereinsarbeit zu erzählen.
Als erstes möchte ich Ihnen sagen, daß wir alle unsere Arbeit nicht machen könnten, wenn wir nicht unsere Partnerin Raissa mit ihrem Freundschaftsverein in K-P. hätten. Von ihr haben Sie ja schon gehört, was sie tut. Unser deutscher Botschafter Stüdemann in Kiew war im Juni in K-P. und hat dort die von uns eingerichtete Kaffeestube "drei Lilien" besucht. Bei dieser Gelegenheit hat er zu Raissa gesagt, daß sie schon viel mehr für die Völkerverständigung zwischen unseren Völkern getan hat als er. Das ist ein großes Lob und muß auch bekannt gemacht werden.
Im Jahr 1990 sprachen meine Berufsschüler aus den Versicherungsklassen mich an, ob ich ihnen nicht eine direkte Möglichkeit der Hilfe für andere Menschen geben kann. So begannen wir mit unserer Arbeit für die Stadt K-P, weil 1976 eine Gruppe von Deutschlehrern in Wiesbaden war und ich den Kontakt zu einem Lehrer über all die Jahre gehalten hatte. Über die Stadt und die Menschen dort wußte ich nichts. Bei meinem ersten Besuch, als ich den 2. Hilfstransport dorthin begleitete, hörte ich einiges: Die Stadt ist eine der ältesten Städte in der Ukraine mit einer sehr wechselvollen Geschichte. Sie war die Hauptstadt von Podolien und heißt übersetzt "die Perle auf dem Stein". Sie sehen auf der Einladung die imposante Burganlage, die die Türken bei ihrem Einfall nicht einnehmen konnten. Die schönen alten Häuser, die Sie zum Teil auf den Fotos sehen können, zeugen von einer Vergangenheit im Wohlstand. Die Stadt war das Handelszentrum von Podolien und hatte wie auch Lemberg und Tschernowitz einen hohen Anteil an jüdischer Bevölkerung. Sie können es an sehr schönen jüdischen Grabsteinen erkennen.
In den vergangenen Jahrhunderten sind viele Völker durch diese Stadt gekommen, die ihre Andenken hinterlassen haben: So waren dort die Armenier, die Litauer, die Österreicher, die Türken, die Polen, die Russen und auch unsere Landsleute.
Den Einfluß der Türken kann man bis zum heutigen Tag an dem Minarett erkennen, das an die barocke Peter und Paul Kirche gebaut wurde. Heute prangt ganz oben die Madonna und zeugt von dem polnischen Einfluß.
Im August 1941 gab es ein furchtbares Massaker durch die Faschisten, bei dem viele 10tausende von Juden aus der Stadt und der Umgebung dort umgebracht wurden. Ein Denkmal auf einem breiten Grasstreifen, der wohl das Massengrab ist, zeugt von diesen Taten. Vor wenigen Tagen besuchte mich in Potsdam Wolodimir Nudelmann, der als 11jähriger zufällig in Odessa bei Verwandten war. Seine ganze Familie war erschossen worden. Er hat überlebt und ist weiter in den Ural geflüchtet. Jetzt hat er von unserer Arbeit gehört und gab mir eine Spende mit, die er zum Gedenken an seine Eltern für die kleine jüdische Gemeinde in K-P mitgeben möchte.
Aber zurück zu unserer Zeit: meine hilfsbereiten Schüler habe ich beim Wort genommen und zu Spenden aufgefordert. Dazu sind wir immer wieder die Unterstützung von Wirtschaftsunternehmen angewiesen: Die R+V-Versicherung, Autofirmen und verschiedene andere Unternehmen erhören unsere Bitten und unterstützen unsere Aktivität.
Sie können am Anfang der Ausstellung die Bilder sehen, wie Soldaten der Bundeswehr, Bereitschaftspolizisten und meine Schüler mit der Unterstützung der JUH, die Sattelschlepper beladen haben. In der Ukraine helfen dann die Soldaten vor Ort beim Ausladen. Die Menschen warteten schon vor dem Eintreffen der Sattelschlepper auf unsere Gaben und standen an, um zu sehen, ob etwas für sie dabei war. Sie können es auf vielen Bilder nachvollziehen.
Beim Anblick der Häuser mache ich Sie darauf aufmerksam, daß wir bei jedem Besuch wieder einige renovierte Häuser sehen. Besonders möchte ich Sie auf das blaue Barockhaus hinweisen, in dem sich die von uns Wiesbadenern eingerichtete Kaffeestube 3Lilien nach dem Wiesbadener Wappen befindet. Dort kochen die Vereinsfrauen unter der Leitung von Raissa für arme, alte und kranke Menschen. Nach dem Motto "Essen auf Füßen" geben wir dazu Geldspenden für Fleisch und Fett und die ukrainischen Vereinsfrauen bauen im Gemüsegarten Kartoffeln, Karotten, rote Beete, Gurken usw. an. Auf mehreren Fotos können Sie die Arbeit verfolgen.
Nach den ersten Transporten mit Lebensmitteln und Textilien haben wir begonnen, technische Geräte, die uns gespendet wurden, nach Kamenez-Podolski zu bringen, damit dort Kleinbetriebe aufgebaut werden können. Für uns hier ist das wichtigste Ziel, den Menschen die Angeln zu bringen, damit sie die Fische selbst fangen können. Das ist auch in einigen Fällen schon gelungen: Sie können Bilder von Schustereien, der Druckerei, einem Reparaturbetrieb und als neuestes einer Schreinerei sehen. Mit dieser Schreinerei haben wir die neueste Aktion begonnen: bei dem Besuch eines Kindergartens für taubstumme und Waisenkinder haben wir gehört, daß das Gebäude so marode ist, daß es eigentlich geschlossen werden muß. Aber wohin sollen die Kinder, die uns ans Herz gewachsen sind? Also überlegten wir, daß als erstes neue Fenster für das Gebäude hergestellt werden müßten. Wir baten also den Schreiner, uns ein Angebot zu machen. Nun sammeln wir das Geld für neue Fenster, denn wir wollen lieber einen neuen Kleinbetrieb vor Ort installieren, als Fenster hier zu kaufen und mit Transporten in die Ukraine zu schicken. Nun möchten wir Ihnen allen die Chance geben, uns zu unterstützen: Sie können ein Fenster für 40 € kaufen und bekommen eine Spendenquittung und ein Foto des maroden Fensters, das Ihnen immer wieder vor Augen hält, wofür Sie gespendet haben.
Bei unseren Besuchen in der Ukraine sehen wir nicht nur schreckliche Sachen, sondern wir haben viel Freude mit den Menschen und sind dankbar für ihre Herzlichkeit. Sie können diese Freude in den Fotos erspüren. Obgleich die Menschen viel ärmer sind als unsere Landsleute, sieht man viel mehr Menschen mit einer großen Ausstrahlungskraft! Ich wünschte mir, daß wir hier von dieser Fröhlichkeit etwas übernehmen könnten.
Sie sehen nicht nur Bilder von Kindern, die uns immer wieder rühren und für die wir viel tun wollen, weil Kinder unsere Zukunft sind, sondern Sie sehen eine ganze Wand mit eindrucksvollen Porträts von Männern und Frauen. Ich möchte Ihnen zu einigen Menschen etwas erzählen und Sie ermuntern, herauszufinden, welches Porträt zu welcher Geschichte gehört:
*Da ist "unser" Drucker, dem wir die erste kleine Druckmaschine brachten und der inzwischen 42 Arbeitsplätze geschaffen hat und auch noch Stadtverordneter geworden ist. Heute können Sie hier bei uns einen Bastelbogen mit der Burganlage für 7,95 € erwerben. Vielleicht ist das noch ein willkommenes Weihnachtsgeschenk!
*Dann sehen Sie Olexander, dem in seiner Kindheit ein deutscher Soldat mit der Axt die linke Hand durchgehauen hat, weil er auf Geheiß eines Partisanen eine Büchse in die deutsche Gulaschkanone geworfen hat. Olexander ist heute unser treuester Helfer, wenn wir in K-P. einen Ort aufsuchen müssen und kein Fahrzeug haben.
*Die Ärztin des Bezirkskrankenhauses bittet uns um technische Hilfe, damit sie die Menschen besser versorgen kann.
*Die Kindergärtnerin aus dem sanierungsbedürftigen Kindergarten strahlt uns an und hat uns dadurch beeindruckt, wie liebevoll sie mit den Kindern umgeht.
*Dr. "Knacks" im integrativen Kindergarten mit 30 zerebral geschädigten Kindern und 200 Kindern aus gestörten Familien meist mit alleinerziehenden Müttern erklärt uns, wie dort mit den zerebralgeschädigten Kindern gearbeitet wird und wie sie behandelt werden, damit sie ein möglichst normales Leben führen können.
*Sie sehen alte Frauen mit schönen Gesichtern: eine alte Frau haben wir im Altersheim gesehen, wie sie dankbar auf dem Bett aus der Wiesbadener Rheumaklinik sitzt, die wir ausräumen und nach K-P. schicken durften.
*Die Leiterin des Sozialamtes in K-P. guckt uns sehr freundlich an: sie sagt immer wieder und überall, daß sie ohne die Unterstützung von Raissa und ihrem Verein Schwierigkeiten hätte, die notleidenden Menschen zu unterstützen. Durch ihre Anerkennung wird Raissa die häufig schwierige bürokratische Arbeit auch erleichtert.
In verschiedenen Krankenhäusern haben wir die Betten aus Mainz wiedergefunden. Die dazugehörigen Nachttische waren zu den alten Betten gestellt, damit möglichst viele Kranke etwas von unseren Spenden haben. Auf den Fotos kann man erkennen, daß in den Krankenhäusern noch viele Geräte gebraucht werden. Wir beten immer, daß wir in der Ukraine nicht krank werden!
In die Schule der gehörlosen Kinder haben wir viele Nähmaschinen und Material gespendet, damit die Schulen das notwendige Geld für Essen verdienen konnten. Die Leiterin der Schule zeigt uns die hergestellten Werke. Auf einem Foto erkennen wir die gehörlosen Kinder, die zum Abschied für uns eine Pantomime aufführen.
1998 bekam unser Verein eine großzügige Spende der Boschstiftung. Davon haben wir das kaputte Dach des Kinderheims für tbc-kranke Kinder und Wirtschaftswaisen decken lassen.
Seit mehreren Jahren sind wir als NRO anerkannt. Unsere Entwicklungsministerin, die Wiesbadener Abgeordnete Heidemarie Wiecorek-Zeul hatte ich auch zur Eröffnung dieser Ausstellung eingeladen, um ihr unsere Entwicklungsarbeit zu zeigen. Leider bekam ich nicht einmal eine Antwort! Bei der letzten Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Heidelberg in diesem Jahr konnten wir feststellen, daß wir mit unseren verschiedenen Initiativen breiter gefächert sind als andere Hilfsvereine für die Ukraine. Wir sind einmalig damit, daß durch das große Verdienst meines ehemaligen Schulleiters an der Wiesbadener Schulze-Delitzsch-Schule junge Deutschlehrerinnen in der einjährigen Handelsschule und der zweijährigen Berufsfachschule zu staatlich geprüften Betriebswirtschaftsassistentinnen ausgebildet werden. Nach dem Examen hier in Wiesbaden bemühe ich mich darum, ihnen zu helfen, eine Stellung bei einer deutschen Firma in der Ukraine zu erhalten, damit sie das hier erworbene Wissen zum Wohle ihres Landes einsetzen können. Das ist sicher die erfolgreichste Entwicklungshilfe, die auch Früchte trägt. An dieser Stelle gebührt den Gasteltern, die die jungen Menschen in ihrer Familie aufnehmen und betreuen, ein ganz besonderer Dank. Wir werben immer wieder um neue Angebote, damit diese Ausbildungsarbeit weitergehen kann.
Heute helfen 4 junge ukrainische Frauen, die entweder ihre Ausbildung hier schon abgeschlossen haben oder noch in der Schule sind!
Unsere Arbeit wird auch von der Ukraine sehr anerkannt: So hat der ukrainische Botschafter in Berlin mir gerade geschrieben:"Die Botschaft schätzt Ihren Beitrag zu der Wohltätigkeit für die Menschen in der Ukraine, die Beistand brauchen, sehr hoch."
Wir freuen uns auf unseren nächsten Besuch in K-P 2004 und sind gespannt auf die neuen Fenster, die wir dann für Sie wieder fotografieren.
Für die Zukunft habe ich die Vision, diese wunderschöne alte Stadt wieder zu der Metropole zu machen, die sie einmal war. Sie können alle mit Ihren Spenden und einer Mitgliedschaft in unserem Verein dazu beitragen.
Ich wünsche Ihnen viele Anregungen bei der Betrachtung der Fotos und hoffe, daß Sie auch die Möglichkeit zum Gespräch wahrnehmen. Es sind viele Vereinsmitglieder hier, die Ihnen Fragen beantworten können.
Nochmals vielen Dank an alle, die an dem Zustandekommen der Ausstellung teilgehabt haben. Besonders ehren möchte ich Charlotte Knuth, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre.
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